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Das Buch für Museen

Ein Zauberbuch: Ein neuartiges Informationsterminal für Museen

»…das ist ja wirklich wie bei Harry Potter!« Eine Besucherin des Maximilianmuseums in Augsburg blättert entgeistert in einer Medieninstallation, die nun erstmalig im musealen Bereich eingesetzt wurde. Wie von Geisterhand schlägt sich eine Seite des Buches auf. Zu sehen ist die Abbildung eines Deckenfreskos im ersten Stock des Museums mit der Mondgöttin Luna vor wolkenverhangenem Himmel.

Die Wolken ziehen beiseite und geben den Blick auf den dahinterliegenden Nachthimmel frei. Sterne funkeln, und wie im Zeitraffer dreht sich das Firmament um den Polarstern. Aus dem Nichts erscheinen astronomische Instrumente. Dazu gibt eine Stimme aus dem Off – Hintergrundinformationen, untermalt von der klassischen Musik Respigies.

Was hier wie Zauberei anmutet, ist ein neuartiges »Buch«, das mehr und mehr Museumsbesucher in seinen Bann zieht: Das Lebende Buch® sollte ursprünglich nur ein paar Informationen für den Besucher bereithalten – ein kurzer Überblick über die wichtigsten Exponate der Sammlung. Doch mittlerweile ist es zu einer Attraktion des Museums geworden. »Immer wieder kommen Menschen ins Foyer und blättern im Buch«, so Dr. Christoph Emmendörffer, Leiter des Museums. »Einige Passanten der Innenstadt hatten gar nicht unbedingt vor, unser Haus zu besuchen doch Das Lebende Buch® präsentiert die Sammlung so lebendig, daß sie das ohnehin gut besuchte Museum kurzerhand in ihre Stadtbesichtigung miteinbebaut haben«.

Bücher sind an sich nichts Ungewöhnliches, doch warum ist es gerade solch ein Buch, das Besucher so begeistert? Das Lebende Buch® ist in seiner Bedienung denkbar einfach. Der Leser muss lediglich »umblättern«. Er bedient dabei jedoch weder Mouse noch Touchscreen. Die Technik tritt in den Hintergrund. Zu sehen ist lediglich das Buch auf einem gläsernen Pult.

Wird eine neue Seite gewünscht, so wird augenblicklich ein anderer Film auf das offene Buch projiziert. Hierbei ergänzt dieser paßgenau die bedruckten Seiten. Somit verschmilzt die Gestaltung zu etwas gänzlich Neuem. Illustrationen beginnen sich plötzlich zu bewegen, ein Moderator geht durch das Buch und »nimmt den Besucher an die Hand« während er virtuell durch das Museum führt. Den Exponaten wird Leben eingehaucht, wenn sie sich von allen Seiten sichtbar, im Raum drehen und von ihrer Geschichte erzählen: denn von dem visuellen Eindruck begleitet, hört der Besucher Musik, Geräusche oder einen Sprecher.

Es wäre sogar möglich, passend zu bestimmten Seiten und Filmsequenzen, Duft zu integrieren. So sieht der Besucher beispielsweise nicht nur die Werkzeuge eines Holzbildhauers, er kann sogar das verarbeitete Holz riechen. Somit ergeben sich völlig neue Möglichkeiten der Informationsvermittlung im Museum.

Die Installation wurde von LIQUID | Agentur für Gestaltung in Augsburg mit dem Ausgangspunkt entwickelt, dass übliche Informationsterminals nicht mehr so ansprechen. Touchscreen-basierte Infostelen gehören mittlerweilen zum alltäglichen Bild. Der Besucher klickt sich durch verschiedene Ebenen und verliert oft die Übersicht. Anders bei dieser Multimedia-Applikation: Hier behält der Besucher die Kontrolle, indem er beliebig vor- und zurückblättern kann und stets weiß, in welchem Teil des Buches er sich gerade befindet.

Das Buch ist seit Jahrhunderten gelerntes Medium, das in seiner Benutzung nicht neu erklärt werden muß. Man kann jederzeit weiterblättern uns muss nicht warten, bis ein weniger interessierendes Thema vorüber ist. Das Umblättern stoppt die aktuell aufprojizierte Animation und startet sofort den Film der neuen Seite.

Carina Orschulko, zuständig für die Konzeption und Dramaturgie des Buches, stellte fest, dass Menschen jeden Alters direkt auf das Buch zugehen. Während Kinder oft ehrfürchtig umblättern und immer wieder neugierig beobachten, was auf den folgenden Seiten passiert, loben ältere Menschen die Bedienungsfreundlichkeit.

Mit jeder Seite werden die Abteilungen und einige ausgewählte Exponate des Museums auf neue faszinierende Weise vorgestellt. So etwa Gold- und Silberschmiedearbeiten der Augsburger Kunsthandwerker, die in dem sphärisch beleuchteten Felicitas-Saal erscheinen, die mystische Dachkammer mit alten Modellen, in der der Baumeister Elias Holl auftritt oder das virtuell selbstblätternde Buch – immer wieder gelingt es, neugierig auf das jeweilige Museum zu machen.

In das Museumsprojekt flossen bereits Erfahrungen mit einigen ein- oder mehrsprachigen Lebenden Büchern® für Unternehmen und Institutionen ein. Immer wieder ging es darum, auch komplexe Themen faszinierend und verständlich zu vermitteln, so beim Industrieroboter der KUKA Roboter GmbH, den Papiermaschinen der Voith AG in Heidenheim oder den Immoblilienunternehmen der Stadt Augsburg; jedes »Buch« ist dabei immer wieder etwas Neues:
Das Maximilianmuseum gibt mit dem Lebenden Buch® einen Eindruck von der Geschichte der Stadt und des Museums. Es verweist auf die anderen Häuser der Städtischen Kunstsammlungen und dient gleichzeitig als erste Orientierung. Es zeigt, wo welche Ausstellungen im Haus zu finden sind: der Blick vom Boden des Innenhofes gen Himmel zeigt die Abteilungen als nacheinander farblich hervorgehobene Flächen auf den Innenwänden des Gebäudes.

Als Das Lebende Buch® entwickelt wurde, hat man gleich das Potential erkannt und die Installation patentrechtlich schützen lassen. Als Erweiterung der Einsatzmöglichkeiten des Lebenden Buches® haben die Designer der Agentur LIQUID nun eine mobile Einheit entwickelt, die sich bequem auf Messen und Veranstaltungen einsetzen lässt.

Aufgrund der großen Akzeptanz hat sich auch das Maximilianmuseum in Augsburg dazu entschlossen, neben der dem Interieur angepassten Festinstallation eine mobile Einheit einzusetzen. Unterstützt durch einen Sponsor präsentiert diese das Museum nun auch außerhlab der eigenen vier Wände und lockt Besucher an.

Zum Verfassser: Ilja Sallacz ist einer der beiden Geschäftsführer der Agentur LIQUID | Agentur für Gestaltung. www.Liquid.ag

Pressemitteilung erschienen in Museum aktuell März 2007

Das Buch geht nach China